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Organteq

Die modellierte Orgel

Einleitung

In diesem kleinen Artikel stelle ich die VPO Organteq kurz vor. Über den Artikel verteilt sind kleinere und größere Aufnahmen mit verschiedenen Orgeln aus Organteq, die von mir eingespielt wurden.

Organteq ist eine Software der französischen Firma Modartt, die eine Kirchenorgel (Pfeifenorgel) auf dem Computer simuliert. Modartt ist vor allem für Pianoteq bekannt, das zu den besten virtuellen Pianos zählt.

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Das Besondere an Organteq ist, dass es – im Gegensatz zu den meisten anderen virtuellen Orgeln wie Hauptwerk, GrandOrgue oder Sweelinq – nicht auf Samples (Tonaufnahmen echter Pfeifen) basiert, sondern auf Physical Modeling.

Anstatt aufgenommene Klänge abzuspielen, berechnet die Software den Klang in Echtzeit mithilfe physikalischer Modelle. Dabei wird simuliert, wie die Luft durch die Pfeife strömt, wie die Pfeife schwingt und wie der Raum den Schall reflektiert.

Präludium in C-Dur:

Vorteile von Organteq

Enorm kompakt: Da keine Audioaufnahmen geladen werden müssen, ist die Software äußerst platzsparend. Organteq benötigt nur etwa 30 MB Speicherplatz, während samplebasierte Orgeln oft viele Gigabyte beanspruchen. Davon betroffen ist insbesondere auch der Arbeitsspeicher.

Realistisches Spielgefühl: Die Software reagiert extrem sensibel auf die Spielweise. Da keine starren Samples verwendet werden, kann das Spielverhalten einer Orgel sehr fein und realistisch simuliert werden.

Hohe Flexibilität: Nahezu jeder Parameter kann vom Nutzer angepasst werden – von der Stimmung einzelner Pfeifen bis hin zur Positionierung der Orgel im virtuellen Raum. Mit wenigen Klicks lassen sich Orgeln nach eigenem Belieben zusammenstellen oder verändern.

Vielseitige Nutzung: Organteq ist sowohl als Standalone-Version zum direkten Spielen als auch als Plug-in (VST, AU, AAX) für DAWs verfügbar. Die Software läuft unter Windows, macOS und Linux (x86_64 und ARM).

Wer nur den lieben Gott lässt walten (3 Variationen):

Nachteile von Organteq

Natürlich gibt es auch Punkte, die für den einen oder anderen einen Nachteil darstellen können.

Während Organteq sehr genügsam beim Speicherverbrauch ist, stellt es höhere Anforderungen an den Prozessor. Für große Orgeln mit umfangreichen Registrierungen wird ein sehr leistungsstarker Prozessor benötigt. Modartt optimiert die Software jedoch kontinuierlich, um die CPU-Last möglichst gering zu halten.

Obwohl Physical Modeling enorme Fortschritte gemacht hat, empfinden manche Nutzer den Klang im Vergleich zu echten Aufnahmen als etwas zu „perfekt“ oder sogar „steril“. Zudem kann man in Organteq keine exakt nachgebildete, real existierende Orgel erwerben. Stattdessen spielt man stets ein Modell, das beispielsweise nach „französischer Romantik“ oder „deutschem Barock“ klingt, jedoch keine direkte Kopie eines konkreten Instruments ist.

Es gibt zwar einige Orgeln, die nach realen Vorbildern erstellt wurden, inwieweit diese dem Original tatsächlich nahekommen, kann ich an dieser Stelle jedoch nicht bewerten. Klanglich sind die meisten davon zumindest sehr angenehm.

Aquarelle:

Die Organteq-Community

Die Community rund um Organteq ist aktiv und offen. Modartt bietet auf seiner Webseite die Möglichkeit, selbst erstellte Instrumente zu veröffentlichen, die von anderen Nutzern bewertet werden können. Inzwischen finden sich dort zahlreiche interessante Orgeln, von denen einige realen Instrumenten nachempfunden sind.

Eine objektive Bewertung fällt mir schwer, da ich die Originalinstrumente nicht kenne. Subjektiv betrachtet klingen viele dieser Orgeln jedoch sehr überzeugend.

Als Beispiel hier eine Aufnahme des Chorals „Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren“ – eine Fantasie sowie eine isometrische Choralfassung. Gespielt wurde sie auf der Rühlmann-Orgel (op. 204) der Johanneskirche, die vom Nutzer Coignard in Organteq nachgebaut wurde. Die entsprechende Definition ist im FXP Corner von Modartt zu finden: https://forum.modartt.com/fxpcorner/?version=organteq%202

Vergleich mit Sampler

Hauptwerk, GrandOrgue, Sweelinq und andere samplebasierte Orgeln sind wie Fotos: Man betrachtet ein detailgetreues Abbild einer spezifischen Orgel. Es ist wunderschön, aber das Abgebildete lässt sich nicht grundlegend verändern.

Organteq hingegen ist wie ein 3D-Modell. Man kann es aus allen Blickwinkeln betrachten, die Beleuchtung verändern und es nach Belieben umbauen. Der Klang wirkt dabei manchmal etwas „digitaler“, bietet dafür aber eine enorme kreative Freiheit.

Alternativen zu Organteq

Organteq ist nicht die einzige Software, die auf Physical Modeling setzt. Aeolus von Fons Adriaensen ist eine Open-Source-Orgel, die selbst auf sehr schwacher Hardware (z. B. einem Raspberry Pi 1) große Orgeln spielbar macht: https://kokkinizita.linuxaudio.org/linuxaudio/aeolus/ Technisch ist das Modeling weniger komplex als bei Organteq, dafür aber äußerst ressourcenschonend. Arthur Benilov hat auf Basis von Aeolus eine weiterentwickelte Version erstellt: https://archie3d.github.io/aeolus_plugin/ Diese läuft im Gegensatz zum Original auch unter Windows und macOS und kann als Plug-in genutzt werden. Laut eigener Aussage wurde das Modeling verbessert, allerdings sind die Systemanforderungen deutlich höher.

Persönliche Meinung

Ich führe eine gewisse „schwierige Beziehung“ mit Organteq. Einerseits bereitet das Spielgefühl große Freude, andererseits gibt es klangliche Details, die für mich nicht immer perfekt sind. Allerdings klingt keine Software exakt wie das Live-Erlebnis an einer echten Orgel vor Ort. Organteq ist ein hervorragendes Werkzeug und in den meisten Fällen kann es sehr überzeugen.

Als Abschluss – und als kleine Belohnung für das Lesen bis hierher – folgt eine Aufnahme des Chorals „Durch Adams Fall ist ganz verderbt“, bearbeitet von Marcel Dupré und von mir kreativ interpretiert.

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